Die Geschichte der Spessart-Klinik

Kinderheilanstalt-Spessart-Sanatorium-Spessart-Klinik

“Mit dem Gefühle des Dankes treten wir an dieses Grab (…) und halten Rückblick auf das reiche gesegnete Leben, das ein Leben des Dienstes an der leidenden Menschheit gewesen ist, von den denkwürdigen Tagen des Jahres 1870, als er als junger Militärarzt im Feldlager den schwer verwundeten Kriegern diente (…) bis hin zum Patriarchen, der Kindern unter seiner Leitung und Fürsorge Heilung und Genesung gebracht.” Die Grabrede für den Geheimen Sanitätsrat Dr. Wilhelm Hufnagel, von Pfarrer Julius Hufnagel, am 30. August 1924 in Bad Orb gehalten, blickt auf ein Leben und Wirken zurück, das eng mit der Geschichte der Kurstadt Bad Orb und der Spessart-Klinik verbunden ist. Dr. Wilhelm Hufnagel (1848-1924) und sein Bruder, Pfarrer Friedrich Hufnagel (1840-1916), sind die Gründer der Klinik. Ihr Ziel war die Linderung des Elends gesundheitsgefährdeter Kinder. Wilhelm Hufnagels Tod liegt im Jubiläumsjahr 2009 der Stadt Bad Orb 85 Jahre zurück, die Gründung der Spessart-Klinik 130 Jahre.

Ein passender Anlass in den Annalen zu blättern. Insbesondere der Bad Orber Heimatforscher und ehemalige Küchenleiter der Klinik, Otto Boehlke, hat sich seit Jahrzehnten mit dem Haus beschäftigt und gar manche Rarität gesammelt, so auch Unterlagen über die Gründung, in denen es heißt: “Behufs Gründung einer Kinderheilanstalt zu Bad Orb traten auf Anregung des Pfarrers Hufnagel zu Langenselbold im Monat Mai des Jahres 1884 in Hanau mehrere Geistliche, Ärzte und Beamte aus den Kreisen Hanau, Gelnhausen, Schlüchtern zu einer Besprechung zusammen. Kindern, die an “skrupulösen Anlagen, Drüsenanschwellungen, Herzkrankheiten, Blutarmut und drgl.” litten, sollte “die Wohltat einer Soolbadkur zu Teil werden”. Die Mittel wollten die Gründer über Spenden, Beiträge der Kommunen, Pflegegelder und Hauskollekten zusammenbekommen. Aus dem Diakonissen-Mutterhaus in Wehleiden wurde eine Diakonisse zur Leitung der geplanten Anstalt entsandt und am 12. Juli 1884 sechs Kinder aufgenommen; in einer gemieteten Wohnung mit vier Zimmern – Kanalstraße 44. Von den erforderlichen 1.500 Mark für Einrichtung und Anschaffungen standen lediglich 100 zur Verfügung. Die übrige Summe wurde geliehen, in der begründeten Hoffnung, dass bald mildtätige Hände einspringen. Schon bei den ersten Kindern zeigten sich erstaunliche Erfolge.

Die Gesuche um Aufnahme wurden so zahlreich, dass die Mieträume schon bald nicht mehr ausreichten. Ein eigenes Haus musste her. Es bot sich die günstige Gelegenheit zum Ankauf eines Frühstückszimmer-Geländes außerhalb der Stadtmauer, “von den schönen städtischen Anlagen nur durch eine Fahrstraße getrennt, dicht bei den heilsamen Quellen.” Die darauf befindliche “Lohmühle”, bot die Möglichkeit, mehr Kinder aufzunehmen. Bereits am 12. Mai 1885 konnte das als Kinderheilanstalt eingerichtete Haus bezogen werden. 70 Kinder wurden in diesem Jahr von zwei Diakonissen und einer Dienstmagd versorgt. Die Hälfte der Buben und Mädchen wurde unentgeltlich aufgenommen. Die anderen bezahlten meist nur den geringsten Pflegesatz von 20 Mark und nur wenige den vollen Betrag von 50 Mark für eine vierwöchentliche Badekur. Doch schon im Einzugsjahr platzte das Haus aus allen Nähten, zudem erwies es sich für die kränkelnden kleinen Patienten nicht eben als förderlich, nach gehabtem Bad wieder zurück zur Heilanstalt zu laufen. Ein eigenes Badehaus und zwei weitere Schlafsäle mussten her. Platz war da, und die Sole konnte problemlos und kostenfrei zu den Badezellen gelenkt werden.

Im Juli 1887 wurde das neue Badehaus “Bethesda” feierlich eingeweiht. 1890 fanden bereits 35 Kinder von Mai bis September Aufnahme. 68 davon wurden geheilt entlassen. Bei 66 trat eine deutliche Besserung ein. Nur ein Kind musste “ungeheilt” entlassen werden. Tabellen zeigen, dass die Körpergewichtszunahme der Kinder “als eine ganz vorzügliche” bezeichnet wurde. “Ein zwölfjähriger Junge, der an skrupulöser phlyktänulöser Hirnhautentzündung litt, brachte es auf die kolossale Zunahme von ca. neun Kilogramm”, freute sich Dr. Hufnagel in einem Rechenschaftsbericht. Heute ist es meist umgekehrt. Die jungen Patienten der Klinik kommen oft mit reichlich Übergewicht an und specken im wahrsten Sinne des Wortes in Bad Orb ab. Ab 1900 wurden in der angekauften “Villa Viktoria” auch Kuren für Erwachsene angeboten. Anfang der Zwanziger entstand das Willeminenhaus. Willemine von Weinberg stiftete große Summen dafür.

Die Erweiterung der Erwachsenenabteilung erfolgte 1923. In den Anfangsjahren stellte sich heraus, dass Angehörige beim Besuch ihrer Kinder immer wieder Krankheitskeime einschleppten. Dies führte dazu, dass der Besuch beschränkt wurde, was sich wiederum so günstig auswirkte, dass auch weitere Ärzte, wie Dr. Karl Behm (1890-1968), langjähriger Leitender Arzt der Kinderheilanstalt und des angegliederten Spessart-Sanatoriums, und Modernisierer, ein Besuchsverbot aussprachen. Eine vorgedruckte Karte mit der Ankunfts-Benachrichtigung zeigte auf der Rückseite, dass ein Besuch der Kinder nicht gewünscht wird. Gründe waren auch das Aufkommen von Heimwehstimmung und allgemeiner Unruhe. “Jedes Kind, das Besuch erhält, wird sofort dem Besuch mitgegeben.” Heute sind sogar Begleitpersonen erlaubt. Prospekte aus Behms Zeiten zeigen, dass es bereits ein Hallenschwimmbad gab, und die Indikationen sprunghaft anstiegen. Die Kinderheilanstalt, im Volksmund kurz “KiHeiA”, nahm Kinder mit Herz-, Kreislauf- und Rheumaleiden auf, mit Entwicklungsstörungen, Konstitutionskrankheiten, Tuberkulosegefährdung, Erschöpfungszuständen, Erkältungsneigungen und auch “seelischer Unausgeglichenheit des Entwicklungsalters” und “Gesamtkräftigung vor der Berufsausbildung”. Behm wurde 1925 Leitender Arzt.

Damals wurden in der Kinderklinik Mädchen zwischen 4 und 14 und Jungen zwischen 4 und 12 Jahren aufgenommen. Als 1928 das neue Badehaus eröffnet wurde, zeigte die Bilanz über 4.500 betreute Kinder und Erwachsene in 44 Jahren. 1937 sollte die Reichstraße 276 (später B276, heute L 3199) wegen der Herstellung einer neuen Ortsdurchfahrt teils über das Gelände führen. Es gab eine Entschädigung, Gebäude fielen weg, der Eingang wurde verlegt. 1939 mussten Holzbauten weichen. Neu entstand das Wichernhaus mit Zentralküche und Schulräumen. In beiden Weltkriegen dienten die Gebäude als Lazarett. Zu Ehren der Gründungsbrüder wurde das Haupthaus der “Stiftung der Diakonie” 1964 “Hufnagelhaus” getauft. 1990 wurden die Neubeauten der Kinder-Klinik, Therapiezentrum mit Schwimm- und Gymnastikhalle eingeweiht. Im Laufe der Jahre haben auch reichlich wissenschaftliche Veröffentlichungen die Klinik in Fachkreisen bekannt gemacht. Elektrophysikalische und Lichtbehandlungen gab es beispielsweise schon vor vielen Jahrzehnten.

Heute ist die Spessart-Klinik ein Komplex mit qualifiziertem Rehabilitationsangebot, einerseits für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene und andererseits eine Rehabilitations- und Anschlussheilbehandlungsklinik für Erwachsene mit den Schwerpunkten Kardiologie und Stoffwechselerkrankungen und Psychosomatik. Die Geschäftsführung hat seit dem 01.02.2017 Martin Rapp inne. Zum ganzheitlichen Konzept der Spessart-Klinik zählt “Kunst und Kultur” als Bestandteil im Heilungsprozess. Außerdem gehören eine staatlich anerkannte Schule für kranke Kinder, die Comeniusschule und die Orbtalschule, eine Aus- und Fortbildungsstätte für Physiotherapie zum Unternehmen.

Zum 100-jährigen Jubiläum des Traditionshauses reimte der Orber Heimatdichter Richard Kleespies:
“Was 100 Jahre sich bewährt, durch diese Verse sei’s geehrt.
Mög’s weiter wie in diesen Tagen, noch 100 Jahre Früchte tragen.”

 

Elsbeth Ziegler
Bilder: Archiv Elsbeth Ziegler
Quellenhinweis: vorwiegend Archiv Otto Boehlke

Diesen Artikel und auch weitere zur Geschichte das Hauses finden Sie in unserer Jubiliäumsbroschüre aus dem Jahr 2009.